Es war einmal eine Raupe, die der Wind auf eine lange Reise nahm. So entdeckte sie von dort oben auch zum ersten Mal diesen Baum, mit seinen anmutigen Ästen und einer stolzen Krone.
Der Baum gefiel ihr; schon von weitem vernahm sie das Rauschen seiner Blätter und roch den zarten Duft, den ihn umwehte. «Gerne wäre ich bei diesem Baum» flüsterte die Raupe, und der Wind meinte es gut mit ihr, und erfüllte ihr diesen Wunsch.
Die Raupe, sich glücklich schätzend dort angekommen zu sein, nannte diesen Baum fortan ihren Baum. Auch ihm schien es zu gefallen, vorsichtig bewegte er seine Äste für sie, beschützte sie vor Sturm und Regen, und fand überdies das Kribbeln ihrer kleinen Füße über seine Rinde mehr als angenehm; obwohl er sich schon manchmal fragte, warum die Raupe so gefräßig war, und all diese Seide erst… Aber, im Grunde seines tiefen Stammes, mochte der Baum seine Raupe auch.
So erlebte die Raupe das Jahr an seiner Seite, betrachtete die Blumen auf dem Feld und das Summen der Bienen zwischen seinen Blüten, bis irgendwann die ersten Früchte sprossen. Staunend betrachtete die Raupe dieses köstliche Blau, und neugierig, wie Raupen nunmal sind, fraß sie sich auch eine kleine Öffnung in den Mantel. Ach, wie schön es doch dort drinnen war! Und so süß, und bunt. Nicht, dass es ihr dort draußen schlechter gefallen hätte, aber hier drinnen fühlte sie sich einfach aufgehoben.
So kam der Herbst, und manchmal bewegte der Baum ein wenig seine Äste, und das Versteck der Raupe schüttelte es sanft. Aber sie dachte sich nichts dabei. Manchmal blickte sie aus ihrem Versteck, um den Baum zu fragen, ob es ihm gut ginge. Er nickte nur leicht, und die Raupe war zufrieden. Zwar raschelte er im Abendwind oft mit seinen Blättern, aber die Raupe dachte, das müsse eine Eigenart ihres Baums sein, und darum war es sicherlich gut.
Dann begann der Winter. Draußen wurde es kalt und ungemütlich, und bald lernte die Raupe die Vorzüge ihres Quartiers erst richtig zu schätzen. Nicht nur war sie hier sicher vor Wind und Regen, sondern der Baum wärmte sie auch noch, und konnte sie überdies vortrefflich in den Schlaf wiegen. Ein schöner Winter würde dies werden dachte die Raupe, als sich plötzlich ihre Welt für einen kurzen Augenblick drehte und unsanft auf dem Boden aufschlug.
Verwundert kroch die Raupe aus ihrem Haus und sah die schöne blaue Frucht nicht mehr an ihrem Platz hängen. Sie blickte verunsichert hinauf zur Krone, und der Baum sprach: “Eine Raupe und ein Baum passen nicht. Du kannst keine Wurzeln kriegen”. Unsicher umrundete sie ihr Zuhause und erschrak, musste sie doch feststellen, dass die Schale gerissen war, und der Inhalt in den Boden sickerte. “Heb mich wieder hoch” sagte sie. “Ich muss darüber nachdenken”. “Nein, musst Du nicht! Ich bin Deine Raupe, Du bist mein Baum. Du musst mich nur hochheben”. “Ich muss darüber nachdenken”.
Also wartete sie, und wartete, und kroch um die mit jedem Tag weiter ergrauenden Reste ihrer langsam zerfließenden Vergangenheit. Sie fror, und zum ersten Mal spürte sie wieder den Wind, vor dem sie der Baum doch so gut zu beschützten wusste. Sie bekam Angst. Dann, eine kleine Ewigkeit später, blickte sie abermals zu ihrem Baum und sagte erneut: “Bitte, heb mich hoch”. Doch er antwortete: “Ich habe nachgedacht. Es macht keinen Sinn”.